November 2013: Die Ein-Dollar-Brille

Uganda 2012, © Martin Aufmuth

Uganda 2012, © Martin Aufmuth

Wenn wir eine Brille brauchen, weil wir nicht so gut sehen können, dann ist das gar kein Problem. Wir gehen zum Optiker und lassen uns eine Brille verpassen. Laut der WHO sieht das bei mehr als 150 Millionen Menschen auf der Erde anders aus. Die bräuchten eine Brille, können sich aber keine leisten. Ein Realschullehrer aus Erlangen hat so lange herumgetüftelt, bis er die Lösung für das Problem gefunden hatte: Die EinDollarBrille.


Nadine Gräser über eine ungewöhnliche Geschichte:

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Die Optiker-Werkstatt von Martin Aufmuth ist genau 30 lang, breit und hoch: eine quadratische Holzbox mit Handbiegemaschine für die Fassung, Gläsern in verschiedenen Stärken und einem speziellen Federstahldraht. In Minuten formt er damit ein voll flexibles Brillengestell – ohne Strom. Die Gläser sind bruchfest und werden in die Fassung geklickt. Fertig ist die Sehhilfe. Materialpreis: ein Dollar.

Eigentlich unterrichtet Martin Aufmuth Mathe und Physik an einer Realschule in Erlangen bis er das Buch „Out of Poverty“ von Entwicklungshelfer Paul Polak liest.

„Der schreibt, das was in der Entwicklungshilfe noch fehlt, sind bezahlbare Brillen. Am Anfang war es häufig so, dass mir die etablierten Optiker ihre Altbrillen mitgeben wollten. Das war das bisherige Konzept, dass man Fehlsichtigkeit mit Altbrillen versucht zu beheben, was aber in der Regel nicht richtig funktioniert, weil die Wahrscheinlichkeit, dass man gerade die richtige Brille dabei hat, sehr gering ist. Außerdem sind die Kosten hoch, die Brillen müssen gereinigt, sortiert und in die Entwicklungsländer geschafft werden, was auch teurer ist, als wenn wir Rohmaterial dorthin schaffen.“

Shrinking Tube, Uganda 2012, © Martin Aufmuth

Shrinking Tube, Uganda 2012, © Martin Aufmuth

Das Projekt ist auf Spenden angewiesen. Mit dem Geld bildet Aufmuth Optiker aus, die ihr Wissen an zukünftige Kollegen weiter geben. Das erste Training für die „Fliegenden Optiker“ fand in Uganda statt. Es folgten Ruanda, Burkina Faso und Bolivien.

Aufmuth erklärt: „Das Interessante ist, dass wir auch Trainer ausleihen können. Wir hatten jetzt beim letzten Update-Training in Burkina Faso einen Trainer aus Ruanda, der hat das wunderbar gemacht. Und das ist auch die große Chance, dass sich das schnell ausbreitet, weil eben auch Anfragen aus Bangladesch und so kommen. Das Interesse ist enorm.“

30 Optiker haben die Ausbildung bisher absolviert. Nun touren sie mit ihrer Werkstattbox vor allem durch ländliche Regionen, fertigen und verkaufen dort ihre Brillen.

Uganda 2012, © Martin Aufmuth

Uganda 2012, © Martin Aufmuth

Die Preise sind landesabhängig: „Wir müssen schauen, dass die Hersteller so viel verdienen, dass sie sich und ihre Familien ernähren können damit. Und zum Anderen muss es bezahlbar bleiben. In Ruanda haben wir einen Maximalpreis von drei bzw. sechs Dollar. In Burkina Faso haben die Leute noch weniger Geld, aber da sind auch die Hersteller mit noch geringerem Einkommen zufrieden.“

Aufmuth denkt groß: Wenn die Menschen nicht richtig arbeiten können, weil sie nicht gut sehen, gehe den Entwicklungsländern viel Geld verloren. Er schätzt den Betrag auf 120 Milliarden US-Dollar.

„Was in der Größenordnung den Entwicklungshilfen weltweit entspricht. Das heißt, wenn wir es schaffen, die Menschen mit Brillen zu versorgen, könnten wir dadurch eine Verdopplung der Entwicklungshilfe erreichen.“

Bis dahin ist es noch ein langer Weg: In diesem Monat beginnt die Ausbildung in Äthiopien. Im Januar in Malawi und Nicaragua.

Für sein Engagement erntet der Lehrer aus Erlangen viel Anerkennung – im mexikanischen Cancún wurde Martin Aufmuths Optiker-Werkstatt zum besten Projekt des Jahres 2013 ausgezeichnet.



30.12.2013

11. November 2013

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