Taubblinde twittern

Demo Taubblinde Isolationshaft

Nichts sehen und nichts hören – das ist für die meisten von uns unvorstellbar. Denn gerade die Augen und Ohren sind die Sinnesorgane, die wir für etwas sehr Essentielles brauchen, für unsere Kommunikation. Taubblinde Menschen verständigen sich meistens durch Berührung.  SMS, Emails – also digitale Kommunikation – das funktioniert für die nicht. Das soll sich jetzt ändern, ein Forscherteam arbeitet an einem speziellen Kommunikationshandschuh. Am 04. Oktober demonstrierten taubblinde Menschen in Berlin und forderten mehr Rechte – und sie haben live von der Demo getwittert. Unter dem Hashtag #taubblind konnte man die Tweets verfolgen.

Unsere Reporterin Julia Oberlohr hat mit einem der Forscher gesprochen – hier ist ihr Bericht.

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Tom Bieling vom Design Research Lab der UdK erklärt, wie sich taubblinde Menschen üblicherweise verständigen: „Lormen“ heißt diese Form der Kommunikation, bei der man in die Hand des Gegenübers gleichsam hineinschreibt. Jeder Buchstabe hat seinen Platz.

Auf der Hand ist so ein ganzes Buchstabensystem festgelegt, alle Buchstaben sind auf der Handfläche positioniert und je nachdem wo man auf die Handfläche draufdrückt oder drüberstreicht, weiß der Gesprächspartner was man ihm mitteilt. Man buchstabiert ihm quasi die Wörter in die Hand hinein. Die Vokale liegen auf den Fingerspitzen, das A auf dem Daumen, das E auf dem Zeigefinger oben. Das S ist zum Beispiel ein Kreis in der Mitte der Handfläche.

Schätzungen zufolge sind in Deutschland rund 3000 bis 6000 Personen taubblind. Digitale Kommunikationsmöglichkeiten für diese Menschen, also SMS oder Email – bislang Fehlanzeige. Doch das Team um Bieling arbeitet gerade an einem Hilfsmittel, das Kommunikation für Taubblinde auch über Distanz möglich macht.

Tom Bieling erklärt: „Wir haben entwickelmn gerade einen Handschuh, der diese Tastinformationen digialisiert, so dass sie als SMS oder Email versendet werden können.“

Man berührt also den Handschuh, wie beim Lormen und kann so eine SMS verschicken oder empfangen. Im Handschuh sind kleine Vibrationsmotoren integriert. Wenn eine Nachricht reinkommt, vibriert es genau an den Stellen, wo auf der Hand die Buchstaben liegen – und so kann der Taubblinde die Nachricht lesen.

Der Handschuh ist noch im Entwicklungsstadium, es gibt aber bereits einen Prototypen – im Moment noch mit sehr vielen Kabeln an allen Ecken und Enden und ziemlich filigran, doch das System funktioniert.

Für die Demonstration in Berlin hat sich das Team der Udk was Besonderes einfallen lassen: Eine Modellhand, auf der Demonstrationsteilnehmer Nachrichten verfassen konnten, die dann automatisch getwittert wurden. Die Gedanken und Forderungen der taubblinden Menschen haben so von der DEMO in Berlin aus die ganze digitale Welt erreicht.

Alle Infos zur Demo und zu weiteren Aktionen gibt’s im Netz: aktion-taubblind.de.



17.10.2013

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