Die Premiere von T2 Trainspotting (Foto: Nina Maul)
Die Premiere von T2 Trainspotting (Foto: Nina Maul)

Die Top 5 von FluxFM-Filmexperte Kai Kolwitz | Berlinale 2017

▷ Letzte Änderung: 2017-02-28
By Constanze [FluxFM] |

Die Berlinale neigt sich dem Ende. Aus 399 Filme einige auszuwählen, die besonders erwähnenswert sind, ist schwer. Zum Glück hat sich unser Kino-Experte Kai Kolwitz fast ununterbrochen auf der Berlinale herumgetrieben und für euch seine persönlichen Top 5 gefunden.

Die andere Seite der Hoffnung

Originaltitel: Toivon tuolla puolen
Regisseur: Aki Kaurismäki
Kategorie: Wettbewerb
mit Sherwan Haji, Sakari Kuosmanen, Janne Hyytiäinen und Ilkka Koivula
Offizieller Kinostart: 30. März 2017

Khaled ist syrischer Geflüchteter. Als blinder Passagier eines Kohlefrachter landet er per Zufall in Helsinki und beantragt, trotz fehlender Hoffnung, Asyl. Als dieser abgelehnt wird, taucht er in der Stadt unter.

Wikström kehrt seinem bishering Beruf den Rücken, um sein eigenes Restaurant am Rande Helsinkis zu eröffnen. Dort findet er eines nachts den schlafenden Khaled, gibt im ein Bett, besorgt ihm einen Job. Für kurze Zeit bilden sie eine utopische Einheit – eine für Aki Kaurismäki typische Schicksalsgemeinschaft, die vorführt, dass die Welt besser sein könnte und sollte.

Das findet Kino-Experte Kai Kolwitz:

Regisseur Aki Kaurismäki hat das Bild der Finnen in der Welt maßgeblich geprägt: trinkfest, schweigsam, mit knochentrockenem Humor. Sein neuer Film bietet all das, aber auf seine alten Tage hat Kaurismäki außerdem noch eine politische Agenda gefunden: „Die andere Seite der Hoffnung“ erzählt von einem Geflüchteten aus Syrien, von Menschen, die einfach das Richtige tun – und dabei weiter die typisch absurden Kaurismäki-Charaktere zu sein.

 


T2 Trainspotting

Regisseur: Danny Boyle
Kategorie: Wettbewerb (außer Konkurrenz)
mit Ewan McGregor, Ewen Bremner, Jonny Lee Miller, Robert Carlyle, Kelly Macdonald und Shirley Henderson
Offizieller Kinostart: 16. Februar 2017

Kaum kehrt Renton nach 20 Jahren nach Edinburgh zurück, überschlagen sich die Ereignisse. Auf den ersten Blick mag sich vieles verändert haben und doch bleibt für die Freunde von einst vieles beim Alten. Von Sick Boy kriegt er direkt eine gepaddelt, der frisch aus dem Knast entlassene Begbie spielt beim Wiedersehen verrückt und Spud muss direkt vor seinem nächsten Absturz bewahrt werden.

Der Soundtrack ist ebenso tragend wie der letzte, die selben Charaktere in der selben Besetzung stürzen sich diesmal waghalsig in der Abgründe des Zuhälter- und Prostituiertenmilieus. Und inmitten dieses Chaos sucht Renton weiterhin nach dem Sinn des Lebens.

Kino-Koryphäe Kai Kolwitz meint:

Eine Fortsetzung eines legendären Films 20 Jahre später? Das klingt nach Rip-Off, nach Geldschneiderei. Tatsächlich spielt „T2 Trainspotting“ hemmungslos mit der Sentimentalität der gealterten Original-Film-Kenner, bricht sie aber auch immer wieder, wenn das Pathos zu dick wird. Und natürlich wird der neue „Trainspotting“ kein Mythos werden wie der alte – aber die Rückkehr von Rent Boy und die Jagd nach Geld für einen Sauna Club ist mindestens sehr, sehr lässig, schottisch und witzig.

 


Tiger Girl

Regisseur: Jakob Lass
Kategorie: Panorama Special
mit Ella Rumpf, Maria Dragus, Enno Trebs und Orce Feldschau
Offizieller Kinostart: 6. April 2017

Margarete macht eine Ausbildung beim Sicherheitsdienst. Eines Abends trifft sie einen aufdringlichen ehemalligen Arbeitskollegen, der sie unbedingt mit nach Hause nehmen will und dafür ein Taxi ruft. Dieses wird von Tiger gefahren, die ihn kurzerhand stehen lässt, als sie merkt, dass die Situation nicht einvernehmlich ist. Die toughe Tiger nimmt Margarete daraufhin quasi unter ihre Fittiche, tauft sie auf den Namen Vanilla und zeigt ihr, wie das Leben auch anders verlaufen kann.
Love Steak Regisseur Lass neuestes Werk lebt von Improvisation, Tempo und stilisierten Kampfszenen, gut verpackt in einen dokumentarischen Erzählstil. Er beschreibt die Entwicklung zweier Frauen, deren Werte am Ende auf den Prüfstand kommen.

Unser Kino-Kenner Kai Kolwitz findet:

Eine Straßenkämpferin nimmt eine zu nette gescheiterte Polizeischülerin unter ihre Fittiche – und ist entgeistert, was die alles macht, wenn die Hemmungen gefallen sind. „Martial Arthouse“ hat Regisseur Jakob Lass seinen Film genannt, er lässt wieder improvisieren und mischt wieder Schauspielprofis mit Laien, die Sachen sagen, die keinem Drehbuchautor einfallen würden. Das Ergebnis ist ein hochenergetischer Film, mit einigem an Kloppe und einem Soundtrack von Großstadtgeflüster.

 


Denk ich an Deutschland in der Nacht

Regisseur: Romuald Karmakar
Kategorie: Panorama Dokumente
mit Ricardo Villalobos, Sonja Moonear, Ata, Roman Flügel, David Moufang/Move D
Offizieller Kinostart: 11. Mai 2017

Romuald Karmakars Dokumentarfilm porträtiert fünf Pioniere der elektronischen Musik, die dieses zu ihrem Lebensinhalt erklärt haben. Der Film springt zwischen eloquenten Interviewausschnitten der Musikschaffenden, der Beobachtung ihrer heimischen Arbeitsprozesse und schwitzende Raver im Club. Aus all diesen Eindrücken entsteht das selektive BIld einer sich wandelnden Musikszene.
Karmakar lässt Bilder und ProtagonistInnen einfach für sich selbst sprechen und versucht auf diese Weise einen Überblick über die nur schwer überschaubare Komplexität der Szene zu geben.

Und das meinte Kino-Kai Kolwitz dazu:

Ein Porträt von sechs gestandenen DJs bei der Arbeit – kein Schnittgewitter, sondern lange, statische Einstellungen, oft mit Sound aus dem DJ-Kopfhörer, also dem, mit dem der Mensch auf dem Pult wirklich arbeitet. Dazu gibt’s Lebenphilosophien, von Leuten, die schon lange dabei sind – leicht durchgedreht wie Ricardo Villalobos oder total fokussiert wie Roman Flügel. Wichtige Nebenrollen spielen zum Beispiel ://about blank und Club der Visionäre. Faszinierend und gelegentlich fast meditativ.


Back for Good

Regisseurin: Mia Spengler
Kategorie: Perspektive Deutsches Kino
mit Kim Riedle, Juliane Köhler, Leonie Wesselow, Nicki von Tempelhoff
Offizieller Kinostart: noch nicht bekannt

Das mittellose Reality-TV-Sternchen Angie ist nach ihrem Drogenentzug gezwungen in das heimatliche Kaff und die Obhut ihrer Mutter Monika zurückzukehren. Schon bald wird sie dort zur Ratgeberin und Ansprechpartnerin ihrer pubertierenden kleinen Schwester Kiki, die aufgrund ihrer Epilepsie gezwungen wird, einen Helm zu tragen und daher in der Schule gemobbt wird. Alle drei Frauen sind mit der Situation überfordert, sehen sie aber schon bald als Chance, sich zu ändern und wieder zueinander zu finden.

Kino-Connaisseur Kai Kolwitz findet:

Eine Trash-TV-Frau kommt nach dem Entzug zurück zu Mutter und Schwester in die Kleinstadt, im Eröffnungsfilm der Perspektive Deutsches Kino auf der Berlinale 2017. Aus dem Grundplot holt der Film eine Menge raus. Er sieht die komischen Momente genauso wie die Tragödie und die Sehnsucht nach den 15 Minuten Ruhm, die in fast allen steckt. Und man sollte Heldin Angie nicht unterschätzen, die Frau kann falsche Nägel in Waffen verwandeln.

 


Seit 1951 ist der Wettbewerb das Herz der Berlinale und weist die Richtung für neues Filmschaffen. Präsentiert werden neueste Produktionen aus aller Welt. Dabei konkurrieren nicht alle um einen Bären.

Filme aus dem Panorama Special sind Produktionen und Filme der großen US-amerikanischen Major Studios, die einen kleinen Ausblick auf die Tendenzen des Arthouse-Kinos geben.

Die Perspektive Deutsches Kino zeigt inhaltliche und stilistische Trends beim deutschen Filmnachwuchs, Bekanntes und Unerwartetes. Es gibt absichtlich kaum formale Beschränkungen, um auch StudentInnen die Teilnahme am Wettbewerb zu ermöglichen.

Panorama Dokumente ist eine Rubrik extra für Dokumentarfilme aus aller Welt, die sich sozialen und zeitgeschichtlichen Themen, Hintergrundrecherchen, Künstlerportraits oder Musikdokus widmen und bei der Berlinale ihre Europa- oder Weltpremiere feiern.

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