Paul Simon gab am 20. Oktober sein vermutlich vorerst letztes Deutschland-Konzert
Paul Simon gab am 20. Oktober sein vermutlich vorerst letztes Deutschland-Konzert

Zum Abschied wird es leise | Paul Simon live in Berlin

▷ Letzte Änderung: 2016-10-21
By Fabian [FluxFM] |

‚Hello darkness, my old friend…‘ singt Paul Simon zum Abschluss seines Konzerts im Tempodrom. Alleine steht er auf der Bühne, in schwarzem T-Shirt und mit einer akustischen Gitarre vor dem Bauch, und interpretiert „The Sound Of Silence“, seine wohl größte und vielleicht auch wichtigste Komposition. Damit setzt er einen unvergesslichen Schluss- wie Höhepunkt zu seinem Konzert, das, wie der jüngst 75 gewordene Paul Simon in aktuellen Interviews durchsickern ließ, sein letztes in Deutschland sein könnte. Schließlich sei er jetzt auch kein Jungspund mehr, habe das Glück gefunden – und möchte nun offenbar mal schauen, ob er sich selbst auch abseits der Musik verwirklichen kann.

Doch noch steht er ja auf der Bühne, tourt bis Ende November in einem bemerkenswert straffen Tourplankorsett durch Europa und wirkt zumindest vorerst nicht so, als verschwende er einen Gedanken an das für bald angekündigte Ende. Dennoch lässt es sich nicht verleugnen, dass bei diesem Konzert am 20. Oktober 2016 durchaus ein Hauch von ‚Abschied‘ in der Luft liegt. Vor allem scheint zunächst niemand so recht zu wissen, was sich Paul Simon als nimmermüder Quer- und Vorwärtsdenker für den Konzertabend überlegt hat. Kommen eher die großen Hits – oder doch die unbekannten Liebhaber-Perlen?

Die Antwort lautet: Irgendwie beides. Nach einer instrumentalen Version von „Proof“, das der glänzend aufspielenden, aus immerhin neun Musikern bestehenden Band als Aushängeschild dient, eröffnet Paul Simon den Abend mit dem Doppelschlag „The Boy In The Bubble“ und „50 Ways To Leave Your Lover“. Ein gehöriges Statement, mit zwei solch starken und prägnanten Songs in den Abend zu starten, das allerdings funktioniert, denn unmittelbar danach herrscht eine bemerkenswert geschlossene Atmosphäre im Saal. Zwischenrufe während einer von Simons Ansagen, wie ‚Danke‘ oder ‚I love you‘, beantwortet der Songwriter lakonisch, trocken, humorvoll.

Umarrangierte Weltmusik

Es folgt eine bunte Reise durch Paul Simons Œuvre, der sich vor allem in so wild zusammengewürfelter Reihenfolge als überaus vielfältig präsentiert. Zwar wird der Fokus zwischenzeitlich auf die letzten beiden Alben gelegt, doch immer wieder gibt es älteres, durchaus abseitiges Material zu hören. Im Live-Kontext gelingen besonders die Stücke aus The Rhythm Of The Saints, dem damals eher stiefmütterlich behandelten Nachfolger des Weltmusik-Knallers Graceland. „The Obvious Child“ und das komplexe „The Cool, Cool River“ (im 9/8-Takt und charmant vom kameruner Gitarrist Vincent Nguini angekündigt) gehören zu den eher überraschend auf der Setlist gelandeten Höhepunkten.

Skurril, dass je älter die Songs werden, die musikalische Umsetzung umso gediegener wirkt. „Slip Slidin‘ Away“ kann zwar noch ansatzweise durch Atmosphäre bestechen, doch die ist bei „Homeward Bound“, dem Klassiker von Simon & Garfunkel, quasi nicht mehr vorhanden. Leider hat Paul Simon in diesem Fall seine eigene Komposition zu Tode arrangiert, so scheint es. Anders lässt sich der unspannend und fast etwas lieblos heruntergeschrubbelte Country nicht erklären. Der Tiefpunkt der Show wird dann schließlich mit „El Condor Pasa (If I Could)“ erreicht. Dort wähnt man sich für zweieinhalb Minuten im dörflichen Bierzelt, wo auf die Zählzeiten 1 und 3 im Takt geklatscht und geschunkelt wird.

Doch glücklicherweise fängt Paul Simon sich schnell wieder. Das liegt dann vor allem an den starken Kompositionen des aktuellen Albums Stranger To Stranger, die beweisen, was für ein begnadeter Geschichtenerzähler der New Yorker doch ist. Zum regelrechten Minihörspiel avanciert „The Werewolf“; das perkussive, vom fantastischen Bassspiel Bakithi Kumalos zusammengehaltene „Wristband“, in dem Simon sich textlich selbst etwas auf die Schippe nimmt und trotzdem auch noch sozialkritische Themen aufgreift, ist sowieso schon ein kleiner Hit.

Ein Abend ohne Brücken

Und spätestens ab „You Can Call Me Al“, dessen seltsam-autobiographischer Text auch 30 Jahre nach Veröffentlichung nicht so recht zur penetrant mitreißenden guten Laune der Musik passen will, findet man sich ohnehin in einer ausgelassener Feier wieder, die gar nicht so sehr wie ein Abschied wirkt – allerhöchstens deswegen, weil Paul Simon seine Musik so gerne hochleben lässt. Immer wieder geht er am Bühnenrand entlang, schüttelt Hände der Leute aus der ersten Reihe und kehrt dann sogar für drei Zugaben zurück.

Obwohl diese natürlich bis ins kleinste Detail durchgeplant sind, machen die letzten zwanzig Minuten besonders viel Spaß. Denn auch dort spielt Paul Simon zwar durchaus bekannte Stücke, jedoch erstaunt seine Auswahl zumindest ein bisschen. Die unsterbliche Hymne auf die Freundschaft, „Bridge Over Troubled Water“, lässt er links liegen, spielt anstattdessen den Party-Blues „Late In The Evening“, seine vielleicht überzeugendste Weltmusik-Nummer „I Know What I Know“ sowie das mit einem unheimlich klugen Text gesegnete „One Man’s Ceiling Is Another Man’s Roof“.

So ganz ohne Simon & Garfunkel-Songs geht es dann allerdings doch nicht. Nimmermüde reiht er in „The Boxer“ die ‚Lie-la-lie‘-Gesänge aneinander, bei denen das Publikum wie aus einer Kehle mitsingt. Viel bemerkenswerter als das musikalische Arrangement ist hier der Text, den Simon kurzerhand für seine aktuellen Konzerte umgeschrieben hat. Anno 2016 besingt er den poor boy nurmehr in der dritten, nicht mehr in der ersten Person singular. (Hat er womöglich diamonds on the soles of his shoes gefunden?)

Zum Abschied wird es dann schließlich, wie eingangs erwähnt, still. Die große und wohl auf ewig unvergleichliche Komposition mit dem anrührenden Text beschließt die zweieinhalb Stunden Programm, mit denen sich Paul Simon wohl zunächst von den deutschen Konzertbühnen verabschiedet. Und obwohl man etwas wehmütig ist, vor allem, wenn man das Porträt des jungen Songwriters auf den T-Shirts am Merchandising-Stand erblickt, überwiegt die Freude und die Dankbarkeit – die Dankbarkeit für Geschichten, Klänge, Lieder, oftmals fragiler und wahrer als die Stille.

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